Meine Rezension zu "Der Märchenerzähler" von Antonia Michaelis
Die Einleitung:
Das Buch „Der Märchenerzähler“ habe ich im Rahmen einer Wanderbuchrunde
gelesen.
Ich war sehr neugierig auf das Buch, weil mir das Cover sehr gut
gefallen hat und die kurze Inhaltsangabe eine spannende Geschichte versprach.
Das Buch hat meine Erwartungen bei Weitem übertroffen und ich bin froh,
dass ich es gelesen habe.
Die Autorin:
Antonia Michaelis,
Jahrgang 1979, in Norddeutschland geboren, in Süddeutschland aufgewachsen, zog
es nach dem Abitur in die weite Welt.
Sie arbeitete u.a. in
Südindien, Nepal und Peru.
In Greifswald
studierte sie Medizin und begann parallel dazu, Geschichten für Kinder und
Jugendliche schreiben.
Seit einigen Jahren
lebt sie nun als freie Schriftstellerin in der Nähe der Insel Usedom und hat
zahlreiche Kinder und Jugendbücher veröffentlicht, facettenreich, fantasievoll
und mit großem Erfolg.
»Der Märchenerzähler«, ihr erstes Buch für
junge Erwachsene, wurde für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.
Quelle:
www.oetinger.de
Fakten zum Buch:
Das gebundene Buch
erschien im Februar 2011 beim Oetinger-Verlag.
Das Buch umfasst 446
Seiten und ist im Buchhandel für 16,95 Euro zu haben.
Das Buch gibt es auch
als broschierte Ausgabe und als Hörbuch.
Das Buch wird mitunter
schon ab 14 Jahren empfohlen.
Ich empfehle es jedoch
eher für junge Erwachsene.
Die Gestaltung des
Buches:
Mein Exemplar des Buches kam ohne Schutzumschlag bei mir an.
Die Besitzerin des Wanderbuches hat ihn entfernt, damit er nicht
beschädigt wird.
Der eigentliche Schutzumschlag des Buches ist meiner Meinung
wunderschön.
Darauf ist ein Mädchen abgebildet, welches an einem trüben Wintertag vor
einem Meer steht und die Arme weit ausbreitet, als wollte sie jemanden in die
Arme schließen oder sie wie Flügel nutzen, um hinfort zu fliegen.
Man sieht nur ihre Kleidung und ihre Körperhaltung.
Dieses Mädchen könnte also jeder sein – das Mädchen aus der Schule, die
Nachbarin von Nebenan, das Mädchen aus dem Schwimmbad oder aus dem Supermarkt…
Für mich stellt sie die Anna aus der Geschichte dar, aber so eine solche
Anna kann es auch mitten unter uns geben, ohne dass wir es wissen oder
wahrnehmen.
Hinter ihr sieht man Hagebuttensträucher und dicke weiße Schneeflocken,
die in der Kälte nur schemenhaft wahrnehmbar sacht vom Himmel fallen.
Über dieser Szenerie steht mit großen weißen Buchstaben der Buchtitel
und darüber mit roten Buchstaben der Name der Autorin.
Auf der Rückseite des Buches sieht man eine ähnliche Kulisse wie auf der
Vorderseite, nur dass hier hinter einem Baum versteckt eine Hand hervorragt,
die eine Pistole im Anschlag hat.
Dies gibt schon dem Umschlag eine bedrohliche Wirkung und lässt die friedliche
Szene auf der Vorderseite für mich in einem anderen Licht erscheinen.
Mir gefällt die Gestaltung des Buches sehr gut.
Sie ist wunderschön, fängt gut die im Buch herrschende Atmosphäre ein
und wirkt auf mich sehr stimmig.
Der Verlag über das
Buch:
Abel Tannatek ist ein
Außenseiter, ein Schulschwänzer und Drogendealer.
Wider besseres Wissen
verliebt Anna sich rettungslos in ihn. Denn es gibt noch einen anderen Abel:
den sanften, traurigen Jungen, der für seine Schwester sorgt und der ein Märchen
erzählt, das Anna tief berührt.
Doch die Grenzen
zwischen Realität und Fantasie verschwimmen.
Was, wenn das Märchen
gar kein Märchen ist, sondern grausame Wirklichkeit?
Was, wenn Annas
schlimmste Befürchtungen wahr werden?
Die Geschichte und
meine Meinung dazu:
Das Buch beginnt mit
einem Prolog mit dem Titel „Zuerst“.
In dem Prolog wird auf
seltsam poetische Art und Weise beschrieben, wie ein junger Mann mit dem Tod
einer Frau umgeht, deren Leiche sich mit ihm im Raum befindet.
Die Beiden scheinen
ein schwieriges Verhältnis zueinander gehabt zu haben.
Noch in ihrem Tod
sieht er sie als immer von ihm abgewandt.
Schon zu Lebzeiten hat
sie ihm nie geholfen.
Er bezeichnet sie als
selbstsüchtiges, gnadenloses Geschöpf, welches nur eine Lösung für sich, aber
keine Lösung für sie und für ihn gefunden hat.
Er weint wie ein Kind
und begräbt ihre Leiche dann liebevoll in aller Heimlichkeit.
Zuerst dachte ich,
dass der junge Mann der Mörder der Frau ist, doch dann schwankte ich und änderte
meine Meinung.
Sein Verlust ist fast
schon greifbar, seine Worte voller hilflosem Zorn.
Daher komme ich zu dem
Schluss, dass wir es hier mit Selbstmord zu tun haben.
Besonders, weil er
meint, dass die Tote eine Lösung für sich gefunden hat, nicht aber für die
Hinterbliebenen.
Ich bekomme Mitleid
mit dem jungen Mann und frage mich, wie es zu dieser seltsamen Situation
gekommen ist.
Wer war die Tote?
Warum ist sie
gestorben und was bedeutete sie dem jungen Mann?
Ehe ich dies erfahre, lerne
ich Anna kennen.
Das 17-jährige Mädchen
findet in ihrer Schule eine Puppe und möchte unbedingt herausfinden, wem sie
gehört.
Erstaunlicherweise
meldet sich Abel Tannatek zu Wort und sagt, dass die Puppe seiner 6-jährigen
Schwester Micha gehört.
Seit diesem Erlebnis
beginnt Anna sich mehr und mehr für den verschlossenen Außenseiter Abel zu
interessieren, den alle anderen hinter vorgehaltener Hand den „polnischen
Kurzwarenhändler“ nennen.
Ich habe sogar fast
schon das Gefühl, dass sie ihn nach dem kurzen Wortwechsel zum ersten Mal
richtig wahrnimmt, ganz so als wäre er vorher gar nicht da gewesen.
Anna muss daher erst
ein Mal von ihrer Freundin Gitta darüber aufgeklärt werden, was es mit Abels
Spitznamen auf sich hat.
Annas Neugier ist noch
nicht gestillt und so beginnt sie, Abel heimlich zu folgen.
Dabei entdeckt sie
eine ganz andere Seite an ihm.
Er kümmert sich
liebevoll um seine kleine Schwester Micha, holt diese von der Schule ab, geht
mit ihr Kakao trinken und erzählt ihr dabei das Märchen von der kleinen
Klippenkönigin.
Anna ist fasziniert
von Abel und seinem Märchen und aus einer zarten Freundschaft entwickelt sich
Liebe.
Die Liebesgeschichte
der Beiden steht jedoch unter keinem guten Stern, denn sowohl in Abels Märchen,
als auch im realen Leben spitzen sich die Ereignisse zu.
Menschen verschwinden
und werden tot aufgefunden und Anna muss sich fragen, ob sie sich in einen
Mörder verliebt hat.
Mein Fazit:
„Der Märchenerzähler“
ist ein Buch, das seinesgleichen sucht.
Es ist Thriller,
Liebesgeschichte und Märchen zugleich und beeindruckt durch einen eigenwilligen,
bildhaften Schreibstil voller Märchen und Poesie.
Ein Buch voller
Kontraste, das nachdenklich macht und dazu auffordert genauer hinzuschauen und
zu helfen, wenn jemand sich selbst nicht helfen kann.
Die eigentliche
Geschichte wechselt sich ab mit einem bezaubernden Märchen, welches starke
Parallelen zu den realen Geschehnissen aufweist.
In dem Buch herrscht
eine ganz besondere Atmosphäre.
Es ist ein klirrend
kalter Winter, zarte Rosenknospen blühen vor dem Fenster und Vögel kommen
zaghaft zu Besuch.
Der Winter bietet
jedoch auch Gefahren, schwillt zum Schneesturm an und das Laufen auf einer
geschlossenen Eisdecke wird zur tödlichen Gefahr.
Der spannende Prolog
hat mich neugierig auf die Geschichte gemacht.
Dann tauchte ich ein
in die Welt von Anna, einem ganz normalen jungen Mädchen, welches in einem
behüteten Haus in dem sie das Licht als blau empfindet in einer guten Wohngegend
lebt.
Ihre Eltern sind die
stille Linda und der unauffällige Magnus.
Zwei Menschen, die
Anna ihr Leben leben lassen und nicht viel darüber reden, was sie innerlich
bewegt.
Anna hat keine besonderen
Probleme und einen großen Freundeskreis.
Annas Freunde aus der
Schule sind keine Freunde, die ich selbst haben wollte.
Da wäre einmal ihre
beste Freundin Gitta, die Anna gegenüber oft ein wenig altklug ist und mehr
über Abel zu wissen scheint, als sie zugibt.
Annas Liebe zu ihm
bereitet ihr große Sorgen, doch trotz ihrem Wissen hilft sie den Beiden nicht
und schaut nicht genauer hin.
So wundert es mich
auch nicht, dass Anna sich ihr nicht anvertraut.
Gittas Freund Hennes
war mir von Anfang an unsympathisch.
Er ließ so richtig den
reichen Schnösel raushängen und machte auf mich nicht den Eindruck ein großer
Menschenfreund zu sein.
Am Schlimmsten fand
ich jedoch Bertil, den ewigen Außenseiter, der kein Glück bei den Mädchen hat
und durch Prahlerei und Nachhilfe versucht bei Anna zu landen.
Ich hatte das Gefühl,
dass Anna sich nur aus Mitleid mit ihm abgibt und er das einfach nicht
wahrnehmen möchte.
Er neidet ihr die
zarte Liebe zu Abel und hat sich durch seine Aktionen bei mir absolut unbeliebt
gemacht.
Nicht nur das, er hat
mir sogar richtig Angst eingeflößt.
Zu lesen, was er in
seiner Freizeit so macht und seine Obsession Anna gegenüber fand ich ziemlich
unheimlich und so machte ich mir oft Gedanken darüber, in welcher Verbindung er
zu den Morden stand.
Abel stellt einen
großen Kontrast zu Anna dar.
Seine Kleidung, sein
Verhalten, alles an ihm ist ganz anders als bei Annas Freunden, doch genau das
ist es, was ihn für mich so interessant und sympathisch gemacht hat.
Ein wenig erinnert er
mich an meinen ersten Freund, der auch aus Polen kam und mit Drogen zu tun
hatte.
Abels Mutter ist nach
seinen Angaben verreist und er kümmert sich ganz alleine um seine geliebte
kleine Schwester Micha.
Ich fand es schön zu
lesen, wie er Micha beschützt und immer wieder zum lachen gebracht hat, trotz
der schwierigen Lebensumstände in welchen sich die Beiden befanden.
Die Beiden haben
unterschiedliche Erzeuger und es ist offenbar besser für Micha, wenn sie keinen
Kontakt zum Vater hat.
Abel und Micha wohnen
im Gegensatz zu Anna in ärmlichen Verhältnissen.
Ihre karge Wohnung ist
spartanisch eingerichtet und ihr Alltag und ihre Freizeitgestaltung sind ganz
anders als das, was Anna gewohnt ist.
Abel geht ganz in
seiner Rolle als großer Bruder auf, muss er Micha doch Vater und Mutter
ersetzen.
Er tut alles in seiner
Macht stehende, um seine kleine Schwester zu beschützen und ihr später ein
besseres Leben bieten zu können.
Mehr als ein Mal habe
ich mir jedoch jemanden gewünscht, der für Abel da ist, ihn an die Hand nimmt
und ihm zeigt, dass das Leben auch für ihn schöne Seiten zu bieten hat, wenn er
nur Hilfe bekommt.
Er trägt so viel
Verantwortung, musste schon so viel Leid erfahren, da konnte ich manches besser
verstehen.
Abel erzählt Micha ein
Märchen von einer Klippenkönigin, einem Seelöwen, einem Leuchtturmwärter und
vielen anderen Figuren, die ihr Pendant in realem Leben des Geschwisterpaars
finden.
Auch Anna kam in dem
Märchen vor und ich fand es sehr schön, wie Abel sie in die Geschichte
hineingewoben und gleichzeitig gewarnt hat.
Die kleine Micha ist
ein zauberhaftes, genügsames Kind mit einer blühenden Fantasie.
Sie ist mir mit ihrer
offenen, herzlichen Art sehr schnell ans Herz gewachsen und hat in mir den
Impuls geweckt, sie vor allem Bösen in der Welt zu beschützen.
Sie hinterfragt die
Reise der Mutter und lässt sich von Abels Märchen ablenken, vom den sie nie
genug kriegen kann.
Anna begegnet sie mit
offenen Armen und sie ist es, die sie um Hilfe bittet, als sie Angst hat.
Bei Abel verhält es
sich anders.
Er ist wie eine
Muschel, die ihre Perle nicht hergeben möchte.
Er ist vorsichtig und
verschlossen, geht zehn Schritte auf Anna zu, nur um dann wieder zwanzig
Schritte zurück zu gehen.
Nie weiß man, woran
bei ihm ist.
Abel ist kein
einfacher Charakter.
Er ist unnahbar,
kämpft für ein besseres und sicheres Leben für sich und seine Schwester.
Sein Charakter ist
vielschichtig und voller dunkler Geheimnisse, die jedoch in seiner Biografie
eine Erklärung finden.
Als das Buch zu Ende
war, war ich fassungslos vor Trauer.
Nicht immer läuft im
Leben alles so, wie man es sich gewünscht hat, doch gerade bei diesem Buch ich
so sehr gehofft, dass sich alles zum Guten wendet.
„Der Märchenerzähler“
ist ein Buch, welches mir noch lange in Erinnerung bleiben wird.
Es greift Tabuthemen
auf und beschäftigt sich mit Inhalten, die sicher nicht für jeden leicht zu
verkraften sind.
Es ist ein trauriges
Märchen, bei dem man sich wünscht, dass es nie zu Ende gehen wird.
Ein spannender
Thriller, voller Geheimnisse und Tod.
Eine herzergreifende und
komplizierte Liebegeschichte voller Höhen und Tiefen.
Viel Spaß beim
Lesen wünscht Aletheia
Kommentare
Die Geschichte hat mich einfach nur umgehauen!
Liebste Grüße,
Kasia